Kontrakturenprophylaxe
Kurz zusammengefasst: Unter Kontrakturenprophylaxe versteht man alle Maßnahmen und Techniken, die zur Vermeidung von Kontrakturen dienen – also von Gelenkversteifungen und schmerzhaften Bewegungseinschränkungen. Durchgeführt wird sie von Physiotherapeuten und Pflegekräften; dazu zählen Risikoerkennung, Beobachtung der Gelenkstellungen, Frühmobilisation, angepasste Schmerztherapie und regelmäßige aktive sowie passive Bewegungsübungen. Mehr zu unseren Leistungen in der Grundpflege und Beratung finden Sie im Leistungsüberblick.
In diesem Lexikon-Artikel erklären wir, was Kontrakturenprophylaxe ist, warum sie besonders bei pflegebedürftigen und bettlägerigen Menschen wichtig ist und welche konkreten Maßnahmen und Übungen helfen. Sie erfahren, welche Formen von Kontrakturen es gibt, welche Risikofaktoren eine Rolle spielen und wie Pflegekräfte und Angehörige vorbeugen können.
Definition
Unter Kontrakturenprophylaxe versteht man alle Maßnahmen und Techniken, die zur Vermeidung von Kontrakturen dienen. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „contrahere“ (zusammenziehen) ab. Die Kontrakturenprophylaxe wird in der Regel von Physiotherapeuten und Pflegekräften durchgeführt und umfasst das Erkennen von Risiken, die Beobachtung von Gelenkstellungen und Bewegungsabläufen, Frühmobilisation, eine ausreichende Schmerztherapie zur Vermeidung von Schonhaltungen sowie aktive, passive, assistive und resistive Bewegungsübungen.
Was ist eine Kontraktur?
Eine Kontraktur ist die Verkürzung bzw. Schrumpfung eines Muskels, einer Sehne, von Bändern oder Gelenkkapseln. Sie führt zu Bewegungseinschränkungen und Zwangsfehlstellungen in den betroffenen Gelenken. Kontrakturen können reversibel (rückgängig machbar) oder irreversibel sein. Die betroffenen Gelenke lassen sich dann nur noch schwer oder gar nicht mehr bewegen – weder aktiv durch den Betroffenen selbst noch passiv durch Therapeuten oder Pflegekräfte.
Typische Ursachen sind Inaktivität, längere Ruhigstellung, Bettlägerigkeit mit falscher Lagerung und gelenkzerstörende Prozesse. Durch dauerhafte Untätigkeit schrumpfen Muskeln; werden Gliedmaßen über längere Zeit in Streck- oder Beugehaltung gehalten oder wegen Schmerzen geschont, können Verkürzungen der Muskulatur und ein Verkleben der Gelenkkapseln die Folge sein.
Ursachen und Risikofaktoren
Kurz gesagt begünstigt mangelnde oder fehlende Bewegung die Entstehung von Kontrakturen. Konkret zählen dazu:
- Falsche Lagerung bettlägeriger Personen (häufig Folge: Spitzfußkontraktur)
- Immobilität (z. B. Rollstuhl, Schlaganfall mit eingeschränkter Steuerung der Körperteile)
- Schmerzen und daraus resultierende Schonhaltung
- Medikamente mit Müdigkeit oder depressiver Wirkung und damit weniger Bewegung
- Krankheiten wie rheumatische oder entzündliche Gelenkerkrankungen, degenerative Gelenkerkrankungen (Arthrosen) oder Nervenlähmungen
Weitere Risikofaktoren sind großflächige Hautvernarbungen, Durchblutungsstörungen der Muskulatur, Sensibilitätsstörungen und Bewusstseinsstörungen. Erkennbar sind Kontrakturen an Gelenken, die aktiv und passiv in ihrer Bewegung eingeschränkt, schmerzhaft oder gar nicht mehr zu bewegen sind.
Formen von Kontrakturen
Kontrakturen lassen sich nach der Art der Schädigung einteilen (arthrogen durch fehlende Bewegung, neurogen durch Erkrankung des Nervensystems, tendomyogen/fasziogen durch Verletzungen oder Entzündungen, dermatogen durch Narben, psychogen z. B. bei Demenz) sowie nach der Gelenkfehlstellung:
- Beugekontraktur: Gelenk bleibt gebeugt, Streckung nicht möglich (z. B. Knie, Hüfte).
- Streckkontraktur: Gelenk bleibt gestreckt, Beugung nicht möglich; typisches Beispiel ist der Spitzfuß (häufigste Kontraktur bei bettlägerigen Menschen).
- Rotationskontraktur: Verdrehung des Gelenks (z. B. Ellenbogen).
- Adduktionskontraktur: Körperteil kann nicht vom Körper abgespreizt werden (z. B. Arm liegt eng am Körper).
- Abduktionskontraktur: Körperteil ist abgespreizt und kann nicht an den Körper herangeführt werden.
Ziele der Kontrakturenprophylaxe
Die Ziele sind, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten und zu fördern, Muskelatrophie, Sehnenverkürzung und Gelenkveränderungen zu vermeiden und Bewegungseinschränkungen früh zu erkennen. Der Betroffene soll – wo möglich – in die Lage versetzt werden, die Prophylaxe möglichst selbstständig durchzuführen. Bei den Bewegungsübungen ist darauf zu achten, dass Supination und Pronation sowie Flexion und Extension in ausreichendem Umfang durchgeführt werden.
Maßnahmen zur Kontrakturenprophylaxe
Zur Vorbeugung und Minderung von Kontrakturen gehören:
- Das Erkennen von Risikofaktoren
- Beobachtung von Gelenkstellungen und Bewegungsabläufen
- Frühmobilisation (Mobilisation innerhalb der ersten 72 Stunden nach einem bewegungseinschränkenden Ereignis)
- Ausreichende Schmerztherapie, um Schonhaltungen zu vermeiden
- Bewegungsübungen: aktiv (Betroffener führt selbst aus), passiv (mind. 2× täglich durch Pflege/Therapie), assistiv (mit Unterstützung), resistiv (gegen Widerstand)
- Lagerung: Bei bettlägerigen Personen die Mittelstellung aller Gelenke (Funktionsstellung) zwischen extremer Beugung und Streckung. Bei Halbseitenlähmung (z. B. nach Schlaganfall) die gelähmte Seite z. B. mit Kissen unter dem Oberarm unterstützen; Finger halbrund lagern, in die Hand eine zusammengerollte Binde legen.
- Spitzfuß vermeiden: Bettdecke nicht auf dem Fuß aufliegen lassen; Fuß senkrecht (wie im Stand) lagern, z. B. durch einen festen Gegenstand zwischen Fußsohle und Fußteil des Bettes. Alternativ können knöchelhohe Schuhe oder ein Kissen zwischen Füßen und Fußteil des Bettes die Funktionsstellung sichern.
- Hände: Nicht mit gestreckten Fingern aufliegen, sondern leicht gebeugt (z. B. kleines zusammengerolltes Tuch in der Handfläche).
- Förderung der Eigenbewegung (Spaziergänge, Getränk selbst halten, Beteiligung an der Körperpflege, wo möglich)
- Ortswechsel (z. B. Aufsitzen, Rollstuhl, Hilfsmittel zur Mobilisation)
Übungen
Folgende Übungen können im Sitzen oder Liegen aktiv bzw. passiv durchgeführt werden. Die Bewegungen sollten langsam und behutsam ausgeführt werden; die individuelle Schmerzgrenze des Betroffenen darf nicht überschritten werden. Eine Erweiterung der Beweglichkeit bei bereits eingeschränkten Gelenken obliegt der Physiotherapie.
- Füße: Kreisen, beugen, strecken, nach außen und innen bewegen
- Finger: Spreizen, Faust machen, wieder entspannen
- Beine: Aufstellen, anheben, ausstrecken; Knie strecken und beugen; Bein nach außen und innen rotieren, zur Seite abspreizen und heranziehen – dann das andere Bein
- Hand-, Ellenbogen- und Schultergelenke: Beugen, strecken, rotieren; Arm zur Seite abspreizen und wieder zum Körper führen
- Kopf: Nach links und rechts drehen; dann Kopf gerade nach vorne, nach oben und unten bewegen
- Rumpf und Wirbelsäule: Oberkörper aufrichten, Wirbelsäule strecken, zur Seite neigen, nach links und rechts rotieren, Oberkörper nach vorne und hinten beugen
Wichtig sind ein ruhiger Atemrhythmus und eine klare Anleitung bzw. Vormachen der Übungen, damit der Betroffene mitmachen kann. Bei täglicher konsequenter Übung und sachgerechter Lagerung lässt sich eine Kontraktur weitestgehend vermeiden.
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Kontakt aufnehmenHäufige Fragen
Aktive Prophylaxe bedeutet, dass die betroffene Person die Bewegungsübungen selbst durchführt (unter Anleitung). Bei der passiven Prophylaxe werden die Gelenke von Pflegekräften oder Physiotherapeuten mindestens zweimal täglich durchbewegt. Beide Formen ergänzen sich – wo möglich, steht die aktive Bewegung im Vordergrund.
Passive Bewegungsübungen sollten mindestens zweimal täglich alle relevanten Gelenke erfassen. Wichtig ist eine konsequente, regelmäßige Durchführung. Die Lagerung bettlägeriger Menschen muss dauerhaft funktionsgerecht sein, um z. B. eine Spitzfußkontraktur zu vermeiden.
Die Spitzfußkontraktur ist eine Streckkontraktur des Fußgelenks – der Fuß steht nach unten und kann nicht mehr angezogen werden. Sie entsteht oft durch das Eigengewicht des Fußes und das Aufliegen der Bettdecke. Zur Vorbeugung: Bettdecke nicht auf dem Fuß aufliegen lassen, Fuß senkrecht (in Funktionsstellung) lagern, z. B. durch einen festen Gegenstand zwischen Fußsohle und Fußteil des Bettes.
Kontrakturenprophylaxe wird von Physiotherapeuten und Pflegekräften durchgeführt. In der ambulanten Pflege übernehmen examinierte Pflegekräfte die Lagerung und – in Absprache mit dem Arzt – passive bzw. assistive Bewegungsübungen. Die Anleitung zur aktiven Mitwirkung des Betroffenen gehört ebenfalls dazu.
Kontrakturen können reversibel oder irreversibel sein. Je früher gegengesteuert wird, desto eher lässt sich eine Versteifung aufhalten oder verbessern. Eine bereits eingetretene Kontraktur kann oft nur noch begrenzt und unter Schmerzen mobilisiert werden. Daher ist die Vorbeugung besonders wichtig.
Risikofaktoren sind u. a. Inaktivität, Bettlägerigkeit mit falscher Lagerung, Schonhaltung wegen Schmerzen, Lähmungen (z. B. nach Schlaganfall), entzündliche oder degenerative Gelenkerkrankungen, großflächige Narben und Bewusstseinsstörungen. Wer diese Faktoren kennt, kann gezielt vorbeugen.
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